Nachlese Erotic Lyric Lounge

Dabei muss ich zugeben, dass meine Nerven die letzten 14 Tage vorher, ziemlich zerranzt waren. Nicht zuletzt durch einige Absagen, aber vor allem, weil ich kein Gefühl mehr dazu hatte und überhaupt gar nichts mehr einschätzen konnte - weder, viele Leute kommen würden, noch, ob ES bei ihnen SO auch ankommen könnte. Furchtbar. Denn immerhin, so habe ich hinterher festgestellt, war diese Veranstaltung so ziemlich das Abgefahrenste, das ich je selber initiert hatte...

Doch, ach, wie dumm ich war. Denn, so wurde mir an diesem Abend wieder recht schnell bewußt, es waren wirklich großartige Leute dabei. Einige waren sehr aufgeregt und eigentlich schon längst gestorben. Nur konnte ich kaum helfen, denn innerlich suchte auch ich für mich selbst eine geeignete Begräbnisstätte.

Nein, nein, nachdem ich mit meiner bezaubernden Uli am Nachmittag aufgebaut und unseren "Opener" geprobt hatte, die Technik auf Anhieb funktionierte und sich diese eigenartig charmante Athmosphäre in diesem beinahe archäologischen Raum herauskristalisierte, ging es mir gut, war ich sehr gut drauf und voller Lust auf diesen Abend.

Ich hatte mir einen Ablaufplan ausgedacht, der aber Raum für Improvisationen ließ. Alles in Abstimmung mit den Künstlern. Noch während die Veranstaltung lief, mussten Entscheidungen getroffen werden, die, wie sich herausausstellen sollte, alle funktionierten und sehr gut waren.
Und so hatten wir doch tatsächlich volle 2 Stunden Programm - inkl. 15 Minuten Getränke- und Pullerpause. Wow. Mit dieser Länge hatte ich nicht gerechnet. Und die gute Nachricht ist: Ich habe alles auf Video. Alles!
Auschnitte davon demnächst hier

Ich selbst wollte bis vor wenigen Tagen meine eigenen Texte gar nicht vortragen, da ich diese nicht unbedingt im Zusammenhang mit "erotischer Lyrik" sah. Da aber genau dieses Grundkonzept nicht durchzuhalten war und ich, wie erwähnt, Absagen bekam, musste ich diese "Lücke" füllen und trug deshalb drei oder vier meiner "Werke" selber vor - zum ersten Mal überhaupt. Wiewohl ich auch zum ersten Mal "moderierte". Irgendwie ging mir das leicht von der Hand und ich hatte tatsächlich sehr großen Spaß meine Texte zu performen!

Nach der Einleitung und einem kleinen Text von mir, gab es den musikalischen Opener mit Uli von Welt (Gesang und Gitarre) und mir (Bass). Uli sang GLORY BOX von PORTISHEAD und es hießt, es hätte Gänsehaut gegeben!
Jetzt kam Caro und las ihr tolles Gedicht "Piratenlied" und spätestens jetzt wusste ich: Alles wird gut! Bravo!
Der Ablauf war so angelegt, dass wir anwechselnd die Gedichte vortrugen, bis jeweils am Ende eines "Blocks" eine Geschichte von Caro gelesen wurde und danach eine weitere musikalische Darbietung zur Auflockerung folgte. Das sorgte für sehr lebendige Abwechslung und funktionierte wirklich prächtig.

Danach trug der gute Manfred mit Leidenschaft und Überzeugung - wirklich begeisternd - einen Text von Judas Humbug vor. Das kam sehr gut an!
Nun wieder Uli, für die ich Texte von LYLO ausgesucht hatte. Ich dachte Männer sprechen Männertexte und Frauen Frauentexte, und Uli passte mit ihrer sehr erotischen Stimme hervorragend zu Lylos Lyrik.
Dann trat Ganseh auf, der ebenfalls zum ersten Mal vor Live-Publikum seine Texte vortrug und sehr viel Mut bewies. Das hat mich sehr beeindruckt und war echt toll, sehr authentisch und intensiv!

Zum Schluß des ersten "Blocks" las Caro eine ihrer wundervollen erotischen Geschichten. Es war der erste längere Text an diesem Abend. Sehr schön.
Sodann, damit sich die ersten Eindrücke setzen konnten, sangen die unglaubliche Renate, ihres Zeichens eben Schauspielerin und Sängerin, und die entzückende, wundervolle Britta zweistimming die Arie "Baccarole" aus Offenbachs Oper Hoffmanns Erzählungen. Auch dieses, wie alles andere, war sehr mutig und sehr schön.

Danach war kurze Pause.
Natürlich, es holperte mal, es gabe kleine Aussetzer und so etwas. Aber auch dies gehörte dazu und hatte wirklich Charme. Denn die Athmosphäre war nah und warm und erwartungsfroh, kommunikativ und einfach schön. Die Autoren und Sprecher interagierten mit dem erfrischenden und sehr offenherzigen Publikum, alle hatten so viel Humor und es gab genug zu lachen. Wer hätte das gedacht? Die Rechnung ist aufgegangen!

Der Raum war voll, gerade anfangs war kaum genug Platz für die Leute. Die Luft wurde etwas spärlich, doch die Klimaanlage schaffte das, leider brummte sie etwas zu laut, so dass wir sie während des Sprechens abschalten mussten.
Nach der Pause wurde es etwas lichter in den Reihen, es war schon spät und ich hatte erwartet, dass diese Art "Kleinkunst" nicht jedermanns Sache ist. So hatten wir uns entschlossen, die Sache nun in einem Rutsch durchzuspielen.
Renate hatte sich spontan bereit erklärt, zwischendrin noch ein Lied zu singen und gab eine grandiose Vorstellung, die packend und sehr lustig war. Ich war derart begeistert, dass ich sie von der Seite her leicht irritierte, aber damit ist sie ganz toll umgegangen! Fabelhaft!
Jedenfalls machten wir weiter wie gehabt und wechselten uns mit unseren Vorträgen ab. Jeder gab alles. Es war wirklich toll und ich war echt berührt von den Darbietungen.
Ganseh kamen am Ende ein paar seiner Texte abhanden, so dass er seinen dritten Auftritt nicht machen konnte und ich stattdessen zwei meiner Jazz-Gedichte zum Besten gab...
Dann war Caro nochmals dran.

Sie las ihre unglaubliche, erotische und sehr, sehr lustige Geschichte "In der Schanze" (mit Lokal-Kolorit). Es war so lebendig im Saal ... was soll ich nur dazu sagen ... dazu fehlen mir die Worte. Klar war, dass Caro befand sich in ihrem Element und ist für mich nicht nur eine sehr gute Autorin und Erzählerin, sondern trägt tatsächlich ihre Geschichten so unglaublich toll vor, dass man gar nicht anders kann, als restlos begeistert zu sein!
Es wurde übrigens durhweg stehend gesprochen, obwohl ich Stuhl, Barhocker und entsprechende Mikros bereitstellte. Und genau das hat 100% zu dem Ganzen gepasst und hat zu der lebendigen, entzückenden Stimmung beitragen.

Zum Schluß dann mein Favorit und für mich persönlich DER Höhepunkt der Abends: Peter Overbeck an seiner "Chilljazz-Trompete". Wow. Das war grandios.
Eine Nebenbemerkung sei mir erlaubt: Peter ist relativ erfolgreicher Prof-Musiker und hat es eigentlich nicht nötig, auf solch kleinen Veranstaltungen, bei denen es ja auch kein Geld gibt, zu spielen. Dennoch war er dabei, denn er hat offenbar Spaß an seiner Kunst und an kreativen Leuten, die mal etwas anderes versuchen. Genau darum ging es mir ja! Ich bin ihm sehr, sehr dankbar und rechne ihm das sehr hoch an. Wie naürlich allen anderen auch. Ich kann das gar nicht oft genug lobend erwähnen.
Hier ist mir auch klar, dass diese Art abgefahrener Musik - es war meditativ, ja, chillmäßig, aber eben NUR mit Trompete - nicht jedermanns Sache ist und sich auch nicht jeder in der Lage sieht, sich zu öffnen und auf neue, irgendwie andere Sachen einzulassen. Aber da denke ich, so geht es niemals weiter.
Am Schluß dieses schnuckeligen, wundervollen, tja, Kleinkunst-Events, war Peter wirklich genau richtig. Seine grandiose Musik gab Zeit zum Runterkommen, Verarbeiten, Träumen und sich fallen lassen. Toll!

Resümee:
Gelungen. Ganz einfach gelungen!
Ich freue mich sehr und bin sehr stolz - auf alle. Und ich danke allen, die dabei waren, den Mitwirkenden, die ich allesamt sehr bewundere und die Gäste, die sich darauf eingelassen haben, sowie den Autoren, die mir ihre Texte geschickt haben!
Ich habe sehr, sehr viel gelernt.
Was besonders schön war - und darum ging es mir eben auch - dass es für alle eine Herausforderung und ein Experiment war. Ich glaube, wir sind eh alle ein grandioses Experiment der Evolution - und genau das hatten wir letzten Samstag quasi im Kleinen nachgebildet!
Und ich glaube auch, dass alle, genau wie ich, viel gelernt und sehr viel Spaß gehabt haben!
Ich hätte Lust so etwas, oder etwas Ähnliches, noch einmal zu machen. Finzanzmäßig habe ich drauf gezahlt. Aber das war es mir mehr als wert. Da ich es ja so mit Volksweisheiten habe, kann ich bestätigen: Wer nichts wagt, der nichts gewinnt!
Und so funktioniert doch auch das Leben: Was du rein gibts, bekommst du auch wieder heraus! Wir wahr, wie wahr. Mit Herz geht alles! Auch, wenn es nicht gerade das ist, was du dir im Köpfchen zurechtgezimmert hast!
Also, ich laße das nun alles mal sacken, doch habe ein paar neue Ideen. Vielleicht hat ja jemand, der bis hierhin gelesen hat, Lust auf eine kleine, durchgedrehte Fußball-Lesung zur WM? Denn die Leute vom KOMET, wo mein Event stattfand, waren sehr kulant (1000 Dank dafür!), weil wir vielleicht so etwas dort noch einmal stattfinden lassen wollen ...
Schaun mer ma.
Wie sagte André Heller kürzlich sinngemäß bei Beckmann: "Die Dinge finden mich! Mein Leben handelt von Erfahrungen und dem Weitergehen zu neuen Erfahrungen ... weil das Leben nicht dazu da ist, mir meine Wünsche zu erfüllen."
Das was hier herausgekommen ist, hätte ich so nie erwartet!
P. S.: Wie man hier unschwer nachlesen kann, wurden also lange nicht alle Texte verlesen, die ich dankenswerterweise von hier und übers Netz zugesandt bekam. Dies war länger nicht wirklich überschaubar und hat sich im Laufe der Entwicklung so herausgearbeitet. Wir haben, wie erwähnt, noch während der Veranstaltung Texte herausgenommen und eben nicht verlesen.
Dafür erstmal SORRY, aber dennoch vielen, lieben Dank für eure Bereitschaft und euer Wohlwollen.
Etwas anderes wäre es gewesen, wärt ihr selber gekommen und hättet gelesen. Von mir aus hätte es drei Stunden dauern können!















Aaaaalso: Ich plane einen spannenden Event im Mai hier in Hamburg rund um "erotische Gedichte". Ich möchte nicht in die Einzelheiten gehen, denn man muss ja nicht alles gleich ausplaudern. Jedenfalls geht es darum, dass aktuelle Autoren ihr erotische Lyrik vortragen, oder vortragen lassen. Da es wohl schwierig ist, einen solchen Schwerpunkt zu halten, können es auch Liebesgedichte sein, doch sie müssen etwas besonders haben und nicht allzuweit vom Sinnlichen entfernt angesiedelt sein.
