Wort in Gottes Ohr
Logisch. Sagen wir mal, ich wäre Gott. Und ich hätte gesehen, wie meine Geschöpfe, die Menschen, riesige Steinhaufen stapeln und ihre verstorbenen Konzernchefs darin bestatteten. Oder wie mir Sklaven riesige Tempel erbauten, in denen gutbetuchte Professoren auf die Einhaltung gewisser magischer Riten drängten. Ich hätte meine Propheten geschickt. Ich hätte dagegen anschreiben lassen.
Wenn das alles nichts geholfen hätte, weil, sagen wir mal, ein kampfhelmbehütetetes Volk mit Mitteln der organisierten Kriminalität, die halbe Welt überfiele und unterjochte, auch, weil sie viel mehr Götter anrufen konnten - ich hätte meinen Sohn geschickt. Damit endlich mal Bewegung in die Sache kommt.
Natürlich, zuvor hätte ich jemanden für diesen Schlamassel da unten zur Verantwortung ziehen müssen. Einen Fiesling. Ich hätte mir aus meinen Herrscharen einen besonders Auffälligen herausgepickt und fallen lassen. Dadurch hätten meine Proheten für ihre Romane einen tauglichen Bösewicht, einen Gegenspieler, um meine Glorie noch sauberer herausputzen zu können. Verflixt nochmal.
Ich wollte, dass mich alle einfach nur anbeteten. Und täten, was ich ihnen sagte. Schluß. Weil ich es nicht ertrüge, wenn sich jeder einen eigenen Kopf machte. Weil ich es scheußlich fände, wenn man versuchte, mein schönstes Kunstwerk neben dem Genom, das menschliche Gehirn, zu entschlüßeln. Und weil ich es nicht aushielte, dass da plötzlich - wie heißen die nochmal? Psychologen? - seltsame Priester säßen, die den Menschen zu einem eigenständigen Leben verhelfen wollten. Die mit ihnen redeten, anstatt ihnen Papyrusrollen und Steintafeln mit Krikelkrakel zum Lesen zu geben. Und am Ende stellten die Leute dann fest, dass ihre Schuldgefühle gar nichts mit mir zu tun hätten. Sondern mit gesellschaftlichen Normen, mit ihren Familien, Eltern, Onkeln, Geschwistern und mit bestimmten Autoritäten. Sie fingen an, sich selbst kennenzulernen, ihre Sachen in Ordnung zu bringen, zu verarbeiten ... und würden am Ende frei sein von meiner finsteren Herrschaft.
Spätestens jetzt hätte ich versucht, meine Verrückten von damals erneut zu schicken, wieder unters Volk zu mischen. Denn die Geschöpfe sollen nicht merken, was ihnen wirklich fehlt. Ich soll ihnen fehlen. Und meine Propheten sollten ihnen, wenn gar nichts mehr helfe, drohen. Mit Plagen und Verdammnis, mit Zeichen und mit Wischiwaschi. Mit Klimawandel und Tsunamis. Damit sie wieder hörten und wir alles zurückdrehen könnten. Und nochmal von vorne anfangen könnten, meine lieben Kreationisten. Mit Dummheit, Versklavung, Mord und Totschlag.
Übrigens: Und ich hätte noch ein paar andere Religionen erfunden, damit die Menschen in den Spiegel sehen könnten. Um dann vielleicht zu begreifen, wie unwichtig das alles ist.










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