Das Lachen des Buddha
Es fuhren Sonderbusse. Der HVV, der Hamburger Verkehrsverbund, setzte am Sonntag zusätzliche Busse ein und ließ seine Fahrer Sonderschichten kurven. Mich überraschte das zunächst. Doch als ich sah, dass ein ganz normaler Bus an einem regennassen Sonntagnachmittag proppevoll wurde, wusste ich Bescheid: ER ist in der Stadt. Die Tennis-Arena am Rothenbaum fasst tatsächlich 10.000 Menschen. Und die kamen auch.Was als erstes ins Auge fiel - zumindest in meines - waren die vielen jungen Menschen, die ihn anpilgern. Junge, attraktive Menschen, in der Regel Frauen. Die sind natürlich nicht in meinem Video weiter unten zu sehen. Warum nicht eine Buddhistin, dachte ich. Im Tempodrom beim Dalai Lama war das Publikum aber altersmäßig gut durchmischt.
Vielleicht lag es ja daran, dass ich in einer Art regligiösem Dreieck wohne. Hinten eine christliche Splittergruppe, die Straße runter tatsächlich ein Tibetisches Zentrum. Keine 10 Minuten Fußweg eine weitere tibetische-buddhistische Gruppe, deren Oberhaupt allerdings nicht der Dalai Lama ist, dessen schönes Gebäude aber auf den Namen "Buddhistischen Zentrum" hört. Davon berichte ich noch ...
Der Dalai Lama ist etwas Besonderes und der Besuch einer seiner Vorträge ist es auch. Man fragt sich unwillkürlich, warum das so ist und was die vielen Menschen von ihm wollen. Eine Antwort ist schwierig und komplex.
Das, was er sagt, das kennen wir alles schon. Es ist nichts Neues und auch nicht erleuchtend. Es ist seine Art, wie er es sagt, wie er redet, wie er lacht. Nach einer halben Stunde ist er warmgeredet und voll in seinem Element. Der Vortrag, den ich besuchte, hieß: "Mitgefühl in einer globalisierten Welt". Nun, mit Wirtschaft oder Globalisierung hatte das nichts zu tun. Und ich muss zugeben, dass ich ihn in Fernseh-Interviews besser finde.
Wie Erich Follath in seinem Buch Das Vermächtnis des Dalai Lama weiß, schreibt seine Heiligkeit die Bücher, die unter seinem Namen veröffentlicht werden, nicht selbst. Natürlich nicht. Und sie sind im Grunde nur Blabla. Auf SPIEGEL ONLINE ein erhellender Artikel von Erich Follath: Der Dalai Lama und die sieben Missverständnisse.
Seine Heiligkeit erzählt Anekdoten, sein Auftritt bereitet ihm offenbar Vergnügen. Er erzählt von George Busch, dass er ein umgänglicher, unkomplizierter Kerl sei, der gerne direkt zur Sache komme. "He is nice". Der Dalai Lama hatte ihm nach dem 11. September einen Brief geschrieben in der Hoffnung, dass die Antwort auf diesen Terror nicht Gewalt sein möge. Der Dalai Lama meint, es sei eine neue Herausforderung, der man mit neuen Antworten, Strategien begegnen müsse ... und nicht mit althergebrachten, gewaltätigen Lösungen.
Er redet von Europa und glaubt, dass die Europäische Union ein Vorbild für die Zukunft der Welt sein könne. Es sei noch nicht lange her, da hätten sich Deutsche und Franzosen gehasst. Nun ist das vorbei, man sei, bei aller Meinungsverschiedenheit, zu einer Einheit geworden, Krieg sei unmöglich, man arbeite zusammen. Und so weiter. Und er hat damit natürlich recht, die EU ist eine wundervolle Sache und wir sollten sie sehr wertschätzen.
Das wars eigentlich im Groben von Seiner Heiligkeit. Ja, man dürfe die Menschen moslemischen Glaubens nicht alle über einen Kamm scheren, es gäbe überall solche und solche, die meisten seien friedfertig. Natürlich. Wie gesagt, im Westen nichts Neues.
Gegen Ende wurden dem Dalai Lama Fragen aus dem Publikum gereicht und ich dachte, ich höre nicht richtig. Aber klar, da waren sie, da kamen sie durch, die Esoteriker. Ich musste lachen. Eine Frage lautete zum Beispiel sinngemäß:
"Wie soll sich ein friedfertiger Mensch, der Gewalt ablehne, gegenüber Krieg und Genozid verhalten?"
Tja, die Antwort des Dalai Lama dürfte für manche enttäuschtend ausgefallen sein. Aber seine Heiligkeit ist kein Christ. Und das ist gut so. Er antwortete als Buddhist und es ist keinesfalls so, dass Buddhisten Gewalt unter allen Umständen grundsätzlich ablehnen. Der Dalai Lama meint, die Haltung dabei sei entscheidend. Ob man voller Hass und Bosheit handelt oder ob man die Waffen gebraucht, weil man sich dazu gezwungen sieht und verteidigen muss.
Ich halte von solcher Fragestellung nichts, weil es im Grunde keine offene Frage ist und eigentlich eine gewisse Antwort schon erwartet. Und so auch die nächste sinngemäß: "Kann spirituelle Praxis Klimawandel und Umweltzerstörung aufhalten (helfen)".
Seine Heiligkeit glaubte zunächst, nicht recht zu hören: "What?"
Da lachte das Tempodrom. Nein, er fürchte, spirituelle Praktiken könnten an dieser Stelle nichts ausrichten. Tja, gesundbeten und den Globus heilmeditieren ist eben nicht, liebe Durchgeknallte. Das ist offenbar sehr schwierig für vergeistigte Menschen nachzuvollziehen. Vor allem für neurotische Westler.
Manchmal ist es einfach zu offensichtlich, dass Religion eine ganze Persönlichkeit kompensieren soll. Sprituelles Gewäsch propft sich auf die gestörten Anteile eines Individuums, das nun nach Erleuchtung oder Erlösung sucht, und dann kommen solch krude Fragen dabei heraus. Und die Figur des Dalai Lama, die einer geheimnisvollen, exotischen und sehr alten Kultur entstammt, lädt zwangsläufig zu Projektionen und Heilserwartungen ein.
Doch ich finde es eine sehr interessante Sache, dass sich so viele Menschen hier in Deutschland zum Buddhismus hingezogen fühlen. Dabei ist er gar nicht so einfach zu verstehen. Und schon gleich gar nicht seine tibetische Ausformung. Viel kommt allein bei der Wiedergeburtslehre durcheinander. Ich würde dazu gerne etwas sagen, aber das würde diesen Rahmen hier sprengen. Vielleicht ein andermal.
Dieser Dalai Lama, der als Reinkarnation seines Vorgängers gilt, ist für viele tatsächlich ein Heiliger Mann, ein Erleuchteter, ein Lichtwesen, ein Buddha. "Buddha des Mitgefühls" ist denn auch einer seiner Titel. Das wirkt natürlich auf viele Menschen, die sich mit diesem "östlichen" Gedankengut auseinandergesetzt haben, fast magisch. Es spricht für eine gewisse Sehnsucht in ihnen. Und es ist nicht das Schlechteste, dass sich hier so viele für diesen ungewöhnlichen Mann begeistern können. Ein Buddha des Mitgefühls muss denn auch gar nicht so viele weise Worte REDEN - und macht es auch nicht. Es ist eh alles schon gesagt.
Ich habe nichts dergleichen erwartet und bin ganz unschuldig an die Sache rangegangen. Natürlich gerieten einige ehrgeizig nach Erleuchtung Suchende in Extase, in stille Extase. Es war keine Seltenheit, dass einige von ihnen täglich, eine ganze Woche lang, zu den Vorträgen des Dalai Lama pligerten. Aber wehe man schaut sich deren Lebensgeschichten an - ich würde an ihrer Stelle auch ins Licht wollen. Mag zynisch klingen, aber ich kann unreflektierte Leute, die recht LAUT einem solchen Erlösungs- und Erleuchtung-Kult tatsächlich anhängen, nicht ernstnehmen. Denn meist vernachlässigen sie dringende Hausaufgaben.
Ein paar mehr Bilder gibt es hier. Ein schönes Video in Englisch via Doc Blog:
http://dalailamafilm.com/
Ich mag den Dalai Lama und schätze ihn sehr. Ich glaube, ganz ähnlich, wie ich auch über Johannes Paul II denke, der Dalai Lama hat nicht nur für seine Landsleute eine sehr wichtige Funktion. Zu wem sollen wir sonst aufschauen, wem vertrauen, wer sonst könnte für eine andere, eine bessere Welt stehen, für Hoffnung, Licht, Freiheit, Mitgefühl und Liebe? Es gibt da sonst niemanden. Als sei der Dalai Lama der letzte seiner Art.
Es geht immer nur um Wirtschaft, Ökonomie, Geld und Arbeit, Karriere, Urlaub, Unterhaltung, Vergnügen. Vielleicht geht es auch noch um Beziehungen, Partnerschaft und manchmal auch um Kunst. Was aufs Gleiche rauskommt. Das ist am Ende alles so dermaßen oberflächlich und bedeutungslos, dass man es ohne solche Menschen, wie den Dalai Lama, kaum ertrüge. Er steht für etwas anderes. Er ist ein Symbol. Und er lacht uns unsere Bedeutungs- und Belanglosigkeit, in die wir manchmal zu versinken drohen, einfach weg. Es ist das Lachen eines Buddha. Was wissen wir schon davon?
Nachdem er mit dem Auto entschwand begann ein fruchtbarer Wolkenbruch. Solange er sprach war der Himmel voller Wolkenspiel und Licht.
Himmel und Erde sind gleichgültig
alle Dinge sind ohne Bedeutung
Die Weisen sind gleichgültig
alle Menschen sind ohne Bedeutung
Der Raum zwischen Himmel und Erde
ist wie ein Blasebalg
seine Leere ist seine Fülle
Viele Worte sind schnell erschöpft
besser ist, das Innere zu bewahren.
Aus dem Tao Te King
P.S.: Es gibt keine Erleuchtung.










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