Mein erster Bruch - erfolgreich
Ein rasanter Sturz mit dem Fahrrad und die präzise Schilderung des Unfall-Hergangs. Kann die Staatsanwaltschaft hier abtippern. Jedenfalls ist mein linker Arm in Gips, astreiner Bruch des RADIUSKÖPFCHENS. Ich brauche jetzt ganz viel Liebe und Bedauerung. Und Hilfe natürlich. Hilfe zum Telefonieren, zu den Mahlzeiten, zum Ankleiden, Duschen und Saubermachen. Kompetent und hübsch. Bewirb dich JETZT!Momentan ist so viel los auf recht hohem Niveau und das macht mich ein wenig aufgedreht, kostet dadurch viel Energie. Wenn man jetzt so viel dreht, dann entstehen Zentrifugalkräfte. Und wenn man, so wie aktuell ich, keinen Anker, keinen Magneten zu Hause hat, der nur aus Liebe bestehen kann, dann entwickeln diese Zentrifugalkräfte eine Dynamik, die manchmal nicht gesund ist.
Ich habe mir gesagt: Ok, jetzt gehst du mal schön in die Sauna und kommst runter von dem Trip. Ausspannen, wegen dem aktuellen Drehmoment.
Ich kam schon nicht gut aus der Woche raus, weil am Freitag zwei, drei Sachen schiefgelaufen sind, bzw. nicht so, wie ich mir das gewünscht hätte ... und das erzeugte eine Implosion der Zentrifugalkräfte. So will ich es mal nennen. So geschehen am Samstag um 11:25 Uhr.
Ich fahre diese Sauna-Strecken meist mit dem Fahrrad, mit einem super Mountainbike. Wunderhübscher Drahtesel, der alles an Bord hat, was man für eine ausgewogene, aber rasante Fahrt braucht. Es ist leicht, schnell und sehr, sehr wendig, super Schwerpunkt, einfach sehr gut. So bekomme ich meist einen schönen Zacken drauf.Da kam ich dann auf eine T-Kreuzung in Eimsbüttel auf dem Radweg auf eine grüne Ampel zu. Ich sah zwei Fahrzeuge vor mir rechts abbiegen und damit meinen Weg kreuzen. Ich war noch weit genug entfernt.
Es geht ja sehr schnell im Gehirn, dass die Geschwindigkeit der kreuzenden Autos mit der eigenen und der Entfernung dazu abgeschätzt wird. Bisher lag ich da immer sehr gut, kann Situationen sehr gut einschätzen, sehr präzise meist. Eine meiner Stärken: Timing.
Es wäre auch alles gut gegangen, wenn nicht das zweite Fahrzeug plötzlich eine andere Rechnung aufgemacht hätte. Wie sich hinterher herausstellte, berechnete die türkische Ärztin in jenem Kleinwagen meine Geschwindigkeit und vor allem meine Position falsch. Sie sah mich, erschrak und brachte ihren Wagen mitten auf der Straße zum Stehen. Quer auf dem Übergang für Fussgänger und Radfahrer - und somit quer zu meiner Berechnung. Aus Angst, mich über den Haufen fahren.
Ich kam aber gar nicht vorne, ich kam hinten. Mit dem Heck stand sie auf dem Fahrradweg. Ich wiederum dachte, sie würde mich sehen und nach dem Halten meine korrekte Position ausmachen. Ich entschied also, dass sie gleich weiterfahren würde, denn es war sonst kein Fussgänger oder Radfahrer in der Nähe. Ich hielt meine Geschwindigkeit und meinen Kurs, denn ich dachte, sie müsse nur einen halben Meter anfahren und ich wäre hinter ihr vorbei.
Im nächten Augenblick realisierte ich, dass das Fahrzeug keine neuen Berechnungen umsetzte, sich überhaupt nicht bewegte. Es sah zwar aus, als würde es anfahren, aber wahrscheinlich hat mir mein Gehirn da etwas vorgegaukelt. Insofern erhielt ich mein Tempo einen Moment zu lange aufrecht. Als ich gewahr, dass dieses Auto seine Position nicht zu verlassen gedachte, ich aber direkt darauf zu kam, war wieder nur ein Bruchteil einer Sekunde nötig, um zu entscheiden, diese Sache abzubrechen.
Dann hat mir mein schönes Rad mal wieder gezeigt, wie gut es funktioniert. Ich voll in die Eisen und ... raus aus dem Sattel. Normalerweise geht der Vollbremsvorgang so vonstatten, dass das Hinterrad blockiert und sich durch leichte Gewichtsverlagerungen meinerseits über eine Seite nach vorn schiebt. Ich komme dann quer. Durch eine minimale Gewichtsjustierung läge das Rad schräg und ich könnte es im Notfall unter mir nach vorne weitergleiten lassen und mit einem Bein aussteigen. Wenn man geschickt ist und ich halte mich dafür, gelingt das. So hatte ich es unbewußt erwartet, ... dass ich seitlich zu dem Wagen komme.
Doch das Hinterrad machte gar nichts. Es blieb, genauso wie das Vorderrad, stehen. Plötzlich und apruppt. Es war zu spät. Der Bremsvorgang, den ich gar nicht so heftig ausführen wollte, war aber instinktiv derart kräftig, dass das Rad komplett blockierte und ich regelrecht abhob.
Das Problem bei dieser Art Abflug ist, dass in etwa 2 Meter Entfernung ein Auto wartet und man in ca. 2,5 Meter Höhe darauf zugeschossen kommt. Man hat aber seine Arme und Hände, die bei solch einem Flug für die Navigation zuständig wären, noch immer am Lenker, bzw. an den Bremsen. So blitzeschnell lässt man nämlich da nicht los. Die Hände also immer noch am Lenker, Kopf und Oberkörper schon auf dem Radar des Hamburger Flughafens - dies hatte zur Folge, dass die Wupptität aus dem Startvorgang spontan in einen harschen Sinkflug überging. Früher sagte man hier dazu: Kapeister.
Heißt: Mein Gesicht steuerte nackt und ohne Schutz direkt auf den dunklen Asphalt zu. Und viel mehr weiß ich nicht. Der Onkel Doktor meinte, ich müsse mich mit dem ausgestreckten linken Arm abgestützt haben. Das kann ich, im Gegensatz zu meiner Schürfwunde am Handballen, nicht bestätigen. Der Schmerz ist im Ellenbogengelenk und ich hatte den Eindruck, mit den gesamten Unterarm die Aufprallenergie absorbiert zu haben. Ich weiß es nicht. Es war reiner Instinkt, ein großartiger Reflex.
Es ist wirklich ganz erstaunlich: Der Körper hat sofort und ohne Zögern alles richtig gemacht. Denn es ist immer noch besser, einen Arm zu verlieren, Gelenke und Muskeln einzusetzen, als den Kopf. Den braucht man zum Bloggen. Überleben lässt sich auch ohne Arm ...
Mein linker Arm hat die Hauptwucht der Newton/Meter nahezu vollständig absorbiert. Geringe Teile dieser Energie wurden auch noch vom linken äußeren Fussknöchel, dem linken Knie, der linken Hüfte und dem linken Brustkorb aufgenommen. Und in Schmerz und Schürfwunden umgesetzt.Mein Rad aber ist so weit funktionsfähig, außer rechts (!), dort ist der Radkranz in die Speichen gedrückt worden. Keine Ahnung, wie das zustande kam. Ansonsten ist mein Rad sehr stabil und eigentlich ein Quell der Freude.
Mein erster Gedanke nach dem Sturz - das fiel mir hinterher wieder ein - war: "Gebrochen, mein Arm, ich habe mir etwas gebrochen". Das war blitzschnell und ohne einen Zweifel. Ich dachte, ok, ich warte ab, was passiert, ein Schmerz, Taubheitsgefühl oder irgendwas. Aber nichts da, ich stand unter Schock, war traumatisiert und verbrachte die erste Minute danach sitzend und verwirrt neben dem Auto, dessen Lack ich geschont hatte. Ich konnte nicht aufstehen. Dieser geschockte Zustand hielt ca. 10 Minuten an, bis ich im Unfallwagen saß. Ich war komplett neben mir, konnte auch z. b. das Handy nicht bedienen, kam aber hoch.
Die Verursacherin kam angerannt und war ganz aufgelöst, es täte ihr so leid und ob sie helfen könne. Ganz reißend und vertrauenserweckend. Zudem war die türkische Ärztin noch sehr attraktiv und gerade auf dem Weg zum Dienst im Krankenhaus. Ein Passant, der den Vorgang beobachtet hatte, half mir und überredete mich, die Polizei und einen Krankenwagen zu rufen, schon allein wegen der Versicherung. Mir war das unangenehm, ich wollte das zunächst nicht, denn ich glaubte, es wäre schon nicht so arg. Aber ich war nicht zurechnungsfähig. Er war aber sehr engagiert und ein Glücksfall. Er rief die Hilfe und blieb bei mir, bis sie kamen. Er fürchte wohl, dass ich noch zusammenklappen würde, was ich aber nicht tat.
Ich kam zunächst nicht zu Ruhe, ich hielt alles für übertrieben. Es tat zwar weh und ich zitterte leicht, hielt das aber nicht für dramatisch. Doch dann kam die Polizei und der Rettungswagen mit Blaulicht von der nächst größeren Kreuzung angetütatat und die Gaffer versammelten sich. Ach, du scheiße, das alles wegen mir...
Wie sich hinterher heraustellte, war das aber genau richtig und ich hatte unheimliches Glück bei dieser Aktion. Dass der Mann da war und verbal und mit seinem Telefon half. Dass die Sanitäter mir die Entscheidung überließen und ich dann einwilligte mitzufahren. Dass die Polizei mein Rad sicherstellte und mitnahm. Dass meine Reflexe mich vor Schlimmeren bewahrt hatten.
Wir fuhren dann ins UKE, in die chirurgische Notfallambulanz. Im UKE bin ich zur Welt gekommen und werde diese dort wahrscheinlich auch wieder verlassen. Im UKE habe ich auch mal ein Praktikum in der Psychiatrie absolviert. So verbrachte ich nun dort fast vier Stunden. Doch ich war auf vertrautem Terrain. Ich hatte meine Zeit vor Jahren im Gesundheitswesen, kenne die Charaktere der Ärzte und der Schwestern ziemlich gut. Das war dann auch recht lustig. Auch so ein tristes Wartezimmer lässt sich gut unterhalten und wir bekamen am Ende noch tüchtig was zu lachen. Was willst du auch machen? So lange du noch halbwegs aufrecht dein Maul aufreißen kannst, ist alles noch im grünen Bereich. Wir haben schon Schlimmeres gesehen.Der sehr attraktive und sympathische jung-dynamische Chirurg war auch typisch: kompetent, aber immer einen lockeren Spruch drauf, den Schalk im Auge, bereit, aber latent übermüdet. Er drückte mir so lange auf den Ellenbogen und führte dabei meinen Arm, bis es wirklich weh tat. "Na also, geht doch!", sagt er. Und erst die Schwestern, die mit jeder Situation umgehen können, mit dem ganzen Scheiß. Da war dann auch ein durchgeknallter alter Krankenpfleger in Unterhose, der nicht zur Ruhe kommen wollte und die Leute vollquatschte. Haben sie super gehändelt den Mann. Ich duzte die Besatzung, kann das nicht anders. Auch nette Gespräche beim Gipsen, was denn der Sohn alles lernt grad und warum auch nicht und wie auch immer.
Ich musste danach zu Fuß bei den Bullen mein Rad abholen. Und zur Notapotheke und war dann noch eine gute Stunde unterwegs. Bei Regen natürlich. Was für ein Tag. Was für ein Scheiß-Tag.
Das Hauptproblem ist die Arbeit. Ich kann das Projekt um keinen Preis aufgeben und muss weitermachen. Und wenn die Pfleger mich auf eigene Kosten täglich dort hinkarren müssten. Krankschreiben ist nicht. Wie gesagt: Es gibt Schlimmeres.
Und ich brauche Pflege und Betreuung. Bewirb dich jetzt! MILANO heißt übrigens Ruhekissen, kann aber auch Betreuung, Liebesbeweis und Handreichung bedeuten. Jedenfalls drückt dieses kleine Werbebild die Art Bewerber aus, an die ich grad denke. Also? Aber es muss aus Liebe gemacht sein. Zahlen tut wohl die Versicherung.KONDOLZENZZEITEN: täglich von 21:00h bis Mitternacht und an den Wochenenden. Blumen und Frühstück an die bekannte Adresse!
Als Gimmick hier MEINE Not-Smsn und ein Video aus der Notaufnahme:
sms: au, weia. komm doch nicht inne sauna. bin auf dem weg dorthin schwer mit rad gestürzt. jetzt im uke. nichts gebrochen, eher geschürft. wegen versicherung hier. LG
sms: nee, tut nicht doll weh. schürfwunden und elle. wird gleich geröngt. schuld hat türkische ärztin im auto. fahrrad auch angeschlagen. was fürn scheiß ...
sms: ja. polizei, unfallwagen, das ganze programm. rad jetzt bei den bullen, muss es später nach hause schieben. denke, dieser mist bringt geld. ärztin geständig ...
sms: ja, braucht kein mensch so was. aber ich soll wohl was lernen ... gibt keine ZUFÄLLE!
sms: geduld beispielsweise, besser auf mich aufzupassen. jeder wie ers braucht. so aber nu habt ihr kindergeburtstag. papphüte raus und ab geht der fisch!
sms: ah, schön. würds du mir auch was kochen und das köpfchen patschen? nackenmassage? wadenwickel?
sms: nein, ich kann nur süß und bedürftig! mensch, jetzt wart ich hier stundenlang auf ärzte und röntgen. wenn wenigstens ne schwester ...
sms: krich ich hin wie der kater aus shrek. also, der pfleger ist jung, schlank und nett. nur kein schwesterchen im kurzen & in straps. habs krankenzimmer schon gefilmt.
sms: ok. aber ich bin nur verletzt, hungrig, single, liebesbedürftig, allein in dem verflixten arztzimmer, zwei beamtinnen in geiler uniform vor der tür ...
sms: ja, dank dir. handelt sich um liebeshunger. medizin: knutschen! handy-batt lässt nach.
sms: radiusköpfchen gebrochen!
sms: ellenbogen, der "musikknochen". reflex hat mir meinen schädel gerettet. war mein erster gedanke: was gebrochen. war aber benommen. bekomme grad gips.










Trackback URL:
http://checkbox.twoday.net/stories/3952490/modTrackback