Wir haben Pabst
Die Szene am Fenster des Apostolischen Palastes zu Ostern anno 2005 werde ich nie vergessen: Der vom Tode gezeichnete Pabst Johannes Paul II konnte den Segen der Stadt und des Erdkreises Urbi et Orbi kaum noch krächzen. Doch dank seines unbeugsamen Willens vollzog er da seine allerletzte Amtshandlung. Wenige Tage danach verstarb er. Ich fand das sehr ergreifend und erlaube mir dazu einen längeren und sehr verspäteten Text (damals gab es meinen Blog noch nicht).Wir kennen aus der Sterbebegleitung verschiedene seltsame Phänomene. Es ist totkranken Menschen durchaus möglich, bis zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt durchzuhalten. Mit Medizin hat das nichts mehr zu tun. Wenn es etwas gibt, das sie unbedingt noch erleben wollen, dann halten sie bis dahin durch. Weihnachten, ein Geburtstag, die Versammlung der Familie, oder, wie im Falle dieses Pabstes, das Osterfest. Danach ist es gut, dann gehen sie dahin.
Ich weiß nicht, ob das für Leute, die so etwas noch nicht erlebt haben, unglaubwürdig klingt. Aber es ist so. Ich selbst habe das mehrfach erlebt, in der Familie, aber auch bei Fremden.Da saß nun Johannes Paul II in seinem Rollstuhl am Fenster, fuchtelte mit seinem Arm und war fast schon "drüben". Keine Ahnung, aber mich hat das erreicht. Diese Szene ist Beleg seines tiefen Glaubens. Und es lag tatsächlich eine frohe Botschaft darin. Nämlich der konsequent gelebte christliche Glauben: Ich habe keine Angst, ich bin ganz aufgehoben in meinem Gott, ihm überantworte ich mein Schicksal ohne wenn und aber.
Jeder, der hin und wieder in meinem Blog liest, weiß, dass ich organisierte Religion nicht mag. Weil ich glaube, dass Religion einen langen, dunklen Schatten hat und dass Zweifel überlebenswichtig sind. Aber in diesem Moment, als Johannes Paul II sich vor unser aller Augen vom Leben verabschiedete, fühlte ich tiefen Respekt für diesen Mann, seine Kirche und seinen aufrechten Glauben.
Ich kann nun diese Kirche in einem anderen Licht sehen. Dieser Kirche, mit ihren vielen Heiligen und Schutzpatroninnen, begegnete ich auch auf meiner Lieblingsinsel La Palma - und damit der Jungfrau vom Schnee. Ich bewundere diesen Glauben. Einen Glauben in dem man Heilige anrufen und um Schutz beten kann. Eine Kirche, hinter deren stets offenen Toren man einen Platz findet, an dem man im Stillen mit sich selbst und mit der Welt ins Reine kommt. Und sei es einfach aus Freude und Verehrung.Nun finden sich viele, die die katholischen Kirche mit ihren Dogmen und ihrem scheinbar sehr rigiden Wertesystem, stark kritisieren. Im Zuge des Sterbens Johannes Paul II gab es viele Gesprächrunden im Fernsehen und nicht wenige Kardinäle ließen sich zu TV-Interviews herab. Diese Männer waren allesamt hochintellegent und sehr gebildet. Das hat mir imponiert.
Und dann wurde mir klar: Was soll ich, der ich kein Katholik bin, diese Kirche kritisieren? Das steht mir nicht zu. Ich habe nichts dagegen und mir ist es egal, ob ihre Priester im Zölibat leben, ob sie Haushälterinnen zu Geliebten nehmen oder nicht. Ich kann verstehen, dass die katholische Kirche die Benutzung von Kondomen ablehnt. Alle Welt regt sich darüber auf. Aber man unterschätzt dabei die Schafherde, die nicht ganz so blöd ist, wie man sie gern hätte. Diese Kirche steht auf dem Standpunkt, dass die Menschen heiraten, erst dann miteinander Sex haben und sich treu bleiben sollen. So kämen sie auch nicht in Gefahr, sich mit HIV anzustecken. Ich finde diese Haltung in Ordnung.
Diese Kirche hat nicht nur aus ihrem Selbstverständnis heraus einen gesellschaftlichen Auftrag, den sie natürlich wahrnimmt. Lange Zeit war die Rede vom Werteverfall und wir konnten das überall beobachten. Wir haben uns aber schon daran gewöhnt, dass es kaum noch ein Halten gibt und um gewisse Werte beständig gerungen werden muss. Und da steht nun diese katholische Kirche und hält ihr uraltes Wertesystem hoch. Sie ist und bleibt eine moralische Instanz. Die einzige vielleicht?Damals wurde lang und breit diskutiert, ob man einem alten Mann via Medien beim Sterben zusehen darf und wo dabei die Würde bliebe. Eine spannende und wichtige Diskussion. Johannes Paul II nutze die Macht der Medien sehr geschickt für seine - für die christliche - Botschaft. Es war sein Ziel, die verlorenen Schäfchen alle wieder einzusammeln und unter dem Dach der EINZIGEN Kirche Gottes zu versammeln. Auch das habe ich bewundert. Es ist ja nur konsequent und ein Alleinstellungsmerkmal der Katholiken. Sie besitzen den Stuhl Petri und stellen somit den einzig legitimen Nachfolger des Jesus-Jüngers. Ihre Haltung ist folgerichtig und nichts worüber man sich aufregen müsste.
Das öffentliche Sterben Karol Wojtyłas war ein Zeichen. Ein Zeichen dafür, dass es noch mehr gibt als Playstation, Ausbildung, Sex, Beziehungen, Konkurrenz, Karriere, Kampf, Mode und Unterhaltung, Familie, Staat, was auch immer. Etwas, das weit darüber hinausgeht. Jugend vergeht und ist an sich überhaupt kein Wert. Es ist das Los des Menschen alt und krank zu werden ... und zu sterben. Doch wir bieten alles dagegen auf, was wir haben. Wieviel ist das wert?Was vermitteln die Medien an Haltungen, an Werten? Alles immer allglatt und geschönt, ein heilloses Palavern und ein endloses, lautes, erbarmungsloses Getrommel. Und da winkt dann dieser Pabst aus dem eigenen Elend und krächst Segen und Liebe über die Menschheit und über die Erde.
Wirklich, ich war berührt und bin es noch. Sein Sterben hatte Größe.
http://www.domgemeinde-hamburg.de/
Credits: - Bild am Fenster von http://www.vaticanhistory.de - Bild mit der Bronze-Statue von Markus Merz - Eigene Bilder aus dem Aachener Dom und den Kirchen La Palmas









