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3
Apr
2007

scheckich

ADS bei Erwachsenen

Das Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom ist in der modernen Medizin noch nicht sehr lange bekannt. Daher hält die Allgemeinheit ADS, oder auch ADHS, die "Aufmerksamkeitsdefizit Hyperaktivitäts Störung", für eine verhaltensbedingte Störung bei Kindern - das ist der sprichwörtliche Zappelphilipp. Doch dieses Syndrom gibt es auch - oft unerkannt - bei Erwachsenen.

Dass selbst mancher Mediziner und auch Psychologe mit der Diagnostik - bei Erwachsenen - (aus Unkenntnis?) überfordert ist, deutet daraufhin, dass hier ein großer Informationsbedarf besteht. Wie es manchmal so ist.

Ich verweise hier sehr gerne auf Wikipedia. Dort ist ein umfangreicher und sehr informativer Eintrag zu ADS zu finden. Hirn- und Verhaltensforschung gehen in Ursachenforschung und Behandlung eine sehr fruchtbare und erkenntnisreiche Verbindung ein.

Wikipedia notiert zur Ursache dieses Syndroms ein "Zusammenwirken mehrerer Faktoren". Man geht davon aus, dass in vielen Fällen eine vererbare "Anormalität der neuronalen Signalverarbeitung im Gehirn" vorliegt. Die eindeutige Diagnose ist oftmals sehr schwierig.

Hyperaktivität - aber auch das Gegenteil: Hypoaktivität - ist dabei EIN Symptom bei Kindern, dass sich später mehr oder weniger mit dem Erwachsenwerden auswächst. Das Syndrom, also die hirnorganische Ursache, bleibt jedoch bestehen und wirkt sich, je nach Lebensumständen und anderen Faktoren, bei den Betroffenen verschieden aus. ADS hat es schon immer gegeben. Es wird allein durch Forschung und unsere Art zu Leben erst jetzt sichtbar.

Auch von dem Namen des Syndroms, der "Aufmerksamkeitssörung", darf man sich nicht irritieren lassen. Denn die Symptomatik ist sehr vielschichtig und vor allem für den Laien kaum zu erkennen.

So kann man davon ausgehen, dass hinter mancher Neurose, mancher Depressionen, manchem Burn Out und vor allem mancher Suchtproblematik ein solcher Befund steht. Und damit hat die sichtbare Problematik weit tiefreichendere Ursachen, als man gemeinhin annimmt - und muss auch entsprechend behandelt werden.

Nicht immer erzeugt dieses Syndrom im Erwachsenenalter krankheitswerte Beeinträchtigungen, die behandelt werden müssen. Denn es ist keine Krankheit im klassischen Sinn. Jeder kennt den "liebenswerten Chaoten", den "verwirrten Professor", den "sprudelnden Kreativling" oder den "talentreichen, engagierten Visionär". Mancher von ihnen hat ADS. Oft sind es Menschen, die nirgends wirklich reinpassen, die sich schlecht integrieren können. Das ist keine Charakterschwäche, oder mutwillige Eigenart - das ist bedingt durch ADS.

Bei Wikipedia, sowie in der Literatur, sind die "Stärken durch ADS" sehr ausführlich beschrieben. Empathie und Hypersensibilität (im Sinne einer außergewöhnlichen Wahrnehmungsfähigkeit) zeichnen die Betroffenen ebenso aus, wie ihre manchmal mitreißende Begeisterungsfähigkeit und ihre vielfältige Kreativität. Zu dem Syndrom gehört beispielsweise auch eine feinsinnige Geräuschempfindlichkeit. Und ihr Gerechtigkeitssinn ist sehr stark ausgeprägt.

Doch das Chaos regiert. Selbst- und Zeitmanagement ist für sie äußerst schwierig, so dass es schnell zu Erschöpfungszuständen kommt. Sie wollen dies oder das erledigen, doch bleiben bei ganz anderen Dingen hängen. Man kann sich mit ihnen tief, lang und spannend unterhalten, doch bei Banalitäten und Nebensächlichkeiten, schalten sie weg. Sie vergessen, wo sie ihren Hausschlüssel hingelegt haben und was sie gerade tun wollten. So könnte man schnell annehmen, ihr Gedächnis sei beeinträchtigt. Daher auch der Aspekt mit dem Aufmerksamkeitsdefizit.

Manchmal ziehen sie sich von der Außenwelt zurück. Überforderung durch Alltäglichkeiten, Eindrucksüberflutung und Näheanforderungen in der Partnerschaft bewegen sie zum Rückzug. Es ist eine Art Stressbewältigung, wofür sie manchmal auch Drogen oder Alkohol einsetzen, nur um sich runterzufahren, um schlafen zu können. Doch für die Umgebung könnte es ganz anders aussehen. Manchmal führt das bei den Betroffenen zu einer schmerzlichen Isolation.

Dieses Syndrom in seinen vielfältigen Ausformungen ist eine hoch interessante Sache. Es spielt sich zuweilen am Rande der Hochbegabung ab. Da es noch nicht lange bekannt ist - vor allem bei Erwachsenen - sind Diagnostik und Behandlung umstrittene Angelegenheiten.

Wirkt nun die Psyche auf die Botenstoffe, oder ist deren Mangel Ursache von seltsamen Verhalten? Wir kennen das schon im Zusammenhang mit Verlieben und den biochemischen Prozessen dazu. Je nach Neigung und Ausbildung stellt man sich auf die genehme Seite. Vielleicht, so lerne ich, ist manches doch ganz anders ... als man DENKT.

Wenn man NICHT die richtigen Informationen hat, beurteilt man Menschen, Ereignisse, die Welt und das Leben auf eine Art, die der Wirklichkeit nicht immer gerecht wird. Man braucht sehr viel genaue Informationen um sich "ein Bild zu machen", um korrekt zu denken und um die Dinge zu sehen, wie sie tatsächlich sind. "Aufklärung" ist auch hier noch lange nicht abgeschlossen.

Ich finde Neurobiologie und die modernen Erkenntnisse der Medizin hochspannende und sinnvolle Themen.

http://www.ads-bei-erwachsenen.de/

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http://checkbox.twoday.net/stories/3520083/modTrackback

sokrates2005 - 3. Apr, 10:33

Dein Beitrag ...

passt gut zu der Meldung, dass Paul Watzlawick ("Wie wirklich ist die Wirklichkeit?") gestorben ist.
404 - 3. Apr, 11:16

Zufall? Gibts nicht.

Du hast recht: Das passt!
SF Tagesschau
Frau Echse (anonym) - 3. Apr, 12:20

eine anmerkung zu ads und sucht,
es gibt unmengen ärzte, die hilflosen eltern viel zu schnell ritalin fürs zappelkind verschreiben. ritalin ist ein sehr schnell abhängig machendes aufputschmittel, BTM-pflichtig, das bei ads paradox wirkt, also ruhig macht und angeblich auch nicht abhängig... was ich persönlich nicht glaube.
leider werden die rezeptoren im hirn sozusagen schon mal schön "vorbereitet" und es gibt tatsächlich über die maßen viele kinder, die später im erwachenenalter schwer suchtkrank werden.
herr wazlawekz (schwerer name) anleitung zum unglücklich sein hat mein leben entscheidend geprägt ;-)
404 - 3. Apr, 12:43

Ritalin

Bei ADS-Betroffenen soll es paradoxe Reaktionen geben, das ist bekannt. Ich kenne mich damit nicht so aus, kann mir aber lebhaft vorstellen, dass manche Ärzte es sich sehr leicht machen.

Nicht nur aus diesem Grunde ist es dringend anzuraten, als Patient oder Erziehungsberechtigter die volle Verantwortung zu übernehmen und diese nicht leichtfertig an "Autoritäten" abzugeben. Es gilt, sich möglichst umfassend zu informieren.

Dabei ist natürlich die Mentalität, eine möglichst schnelle Lösung für komplexe Probleme erhalten zu wollen, hinderlich. Der gesunde Menschenverstand sagt einem, dass ein (schweres) Medikament nur eine Krücke sein kann (wenn nicht EINDEUTIGE medizinische Befunde eine Dauermedikation erfordern), eine vorübergehende und leider manchmal notwendige Maßnahme - aber nur EINE von vielen.

Es gibt sehr viele und auch sehr gute Informationen und eine Menge Dinge, die man unternehmen kann. Zum Beispiel hörte ich gestern vom erfolgreichen Einsatz von Qi Gong bei ADS-Kindern in Berlin. Bioresonanztherapie wird auch genannt. Es gilt also, sich schlau zu machen.

Der schon erwähnte WIKIPEDIA-Eintrag bezieht auch zu RITALIN Stellung: "ADS-Patienten weisen ein erhöhtes Suchtrisiko auf, weshalb die Gabe von Stimulanzien lange als Risiko für eine spätere Suchtentwicklung galt. In Studien wurde jedoch gezeigt, dass die Gabe von Methylphenidat nicht zu einer Abhängigkeitsentwicklung führt und beiträgt. Vielmehr scheint sich das Risiko für eine frühzeitige Nikotin-, Alkohol- bzw. Drogenabhängigkeit zu vermindern. Nur bei bewusst missbräuchlicher Verwendung oder extrem hohen Dosierungen besteht die Gefahr einer Toleranz- und einer Abhängigkeitsentwicklung."
SexBlog - 3. Apr, 12:54

Alles Psychosomatik

Wenn Du meinst, Dir begegnen nur Verrückte, dann könnte es daran liegen, dass diese aus Kostengründen frei herumlaufen und die Gesunden sozusagen in exklusiven Institutionen leben.

Für die Kenner des englischen Jazzes:
z.B. Michael M. Aquino "From PSYOP to Mindwar: The Psychology of Victory"
auf Wikipedia
404 - 3. Apr, 15:52

Keine Übersetzung

Mir ist das oft zu anstrengend englische Texte zu lesen. Magst das nicht übersetzen?

Nun, ich bekomme auch hin und wieder den Eindruck, als verliefe es genau umgekehrt: Die wahren Verrückten laufen frei durch die Gegend - und Erfinden Gesundheits- und Arbeitsmarktreformen, Steuern und Verbote. Wenn sie nicht ein neues Gift erfinden, oder zum Mars fliegen wollen. Sie laufen einem nachts zwischen den Clubs und Partys über den Weg. Man trifft sie beim Einkaufen und in ihren flotten Schlitten auf den Straßen. Und alle wollen ins Fernsehen oder sonstwie berühmt werden. Manchmal sieht es so aus, als sei die ganze Welt verdreht ...
SexBlog - 4. Apr, 01:41

Die sind meistens nicht verrückt und wissen ganz genau, was sie tun, glaub' das 'mal ja.

Dass aber die ganz offensichtlich Verrückten aus Kostengründen nicht institutionalisiert sind, hat für die von Dir so genannten "Erfinder" den Vorteil, dass Chaos herrscht ohne institutionelle Hilfe für alle normalen Menschen kein normales Leben mehr möglich ist. Als ob die Menschen nicht ohne Steuern und Hilfen leben könnten, das können sie nämlich, aber die Bürokraten eben nicht.
404 - 4. Apr, 09:51

Das sehe ich ähnlich

Aber verrückt zu sein heißt nicht automatisch, dass man nicht weiß, was man tut. Eher, dass man nicht weiß, dass das, was man tut, nicht vernünftig ist!
NBerlin - 3. Apr, 14:01

Mir wurde auch schon ADS unterstellt, aber ob ich es nun habe oder nicht, wenn man es nicht richtig behandeln kann, wen interessiert es?

Der Link funktioniert bei mir nicht- leere Seite.
404 - 3. Apr, 15:44

Hinweise

Danke für den Hinweis mit dem Link. Habe ich korrigiert.

Nun, Unterstellungen sind so eine Sache. Es kommt darauf an, von wem sie kommen und weshalb.

Wie schon erwähnt wurde, handelt es sich bei ADS nicht unbedingt um eine "Erkrankung" und nicht jeder ADSler entwickelt behandlungswürde Symptome.

Wenn man nicht LEIDET besteht auch kein Grund etwas zu unternehmen. Wie schon beschrieben wurde, gibt es vielfach positive Aspekte bei ADS.

Am Ende geht es darum, ob ADS oder was auch immer, sich selbst zu erkennen, zu wissen, wer man ist. Oder eben nicht.
NBerlin - 3. Apr, 18:12

Von wem? Von überforderten LehrerInen/ErzieherInen als ich jünger war und von einem Mann der es selber hat und allein von meinem Blog her überzeugt war das ich es auch habe. Die Symptonliste liest sich für mich zu 80% wie eine Eigenschaftsliste von mir, aber sogar wenn es so ist kann ich damit gut leben. ;-)
404 - 4. Apr, 12:36

Darum gehts

Kenn ich mit den Eigenschaften!
Allerdings ist die Diagnose gerade "in". Wie gesagt, sie ist nich einfach zu stellen. Und alleine von deinem Blog her - unmöglich!
Frollein Müller-EL. (anonym) - 3. Apr, 20:53

Mensch, bedenklich. Vielfach bekannt. Vor allem aber Bildungslücke.
Da lohnt sich doch wirklich mal ein (späteres) dezidiertes Reinvertiefen. Ich rede mir stets so Einiges mit dem eindeutig erhöhten Testosteronspiegel "schön".
Aber hier lohnt sich auf jeden Fall mal ein zeitliches Investment, pff ..
404 - 4. Apr, 12:29

Sicher.

Ich meine auch, dass es sich lohnt. Immer ran an den Speck!
SabineD - 26. Jun, 17:38

Sehr schön ;)
Mein Großer ist auch ein ADS-Kind, ohne H, denn er ist nicht hyperaktiv, von daher war die Diagnose schwierig. Er wurde mit ca. 6/7 Jahren das erste Mal darauf hin untersucht, aber erst mit 11 wurde es bestätigt.
Wie die meisten Eltern musste auch ich mich schon dem Vorwurf stellen, mir mit "Drogen ein pflegeleichteres Kind verschreiben zu lassen".
Ich denke, solche Aussagen kann nur jemand machen, der damit direkt noch nicht in Berühung gekommen ist und nicht weiß, das unter diesem Symptom die Betroffen weit mehr selbst leiden als die Familie drumherum (die natürlich auch). Wenn du ein unglückliches, permanent frustriertes Kind hast, dass sich selbst nichts mehr zutraut und wert ist, weil es aus Ungeduld, Ungeschicktheit oder Tollpatschigkeit, die es nicht steuern kann, kaum Erfolgserlebnisse hat oder trotz aller Bemühungen, dem Unterricht zu folgen, nur schlechte Note heimbringt, obwohl es außer Schule und daheim lernen kaum was anderes macht, dann kommt man irgendwann an einen Punkt, wo man sagt: Und jetzt muss was passieren.
Dieser Punkt war die Rezeption mit Methylphenidat. Und es hilft dem Kind nicht, wenn man es verteufelt, denn dadurch nimmt man ihm die Chance, sich in seinem Leben wohler zu fühlen.
Die Gelehrten sind sich mittlerweile einig, dass die Gefahr der späteren Suchtgefahr bei Nicht-Diagnostizierten AD(H)Slern bedeutend schwerer wiegt als bei behandelten. Hier wird - und das habe ich von Kinderärzten - seitens vieler Eltern Missbrauch betrieben. Da gibt es tatsächlich etliche, die sich das Zeug der Kinder wegen verschreiben lassen und es dann als Aufputschmittel selbst schlucken.
In der Folge bleiben die Kids, des gebraucht hätten, auf ihrem Frustlevel hocken und greifen - fast logischerweise - später und viel zu früh zu frei zugänglicheren Suchtmitteln.
Die Lebensqualität meines Jungens hat sich durch das Medikament bedeutend verbessert, vor allem für ihn selbst. Er hat bessere Noten und weniger das Gefühl, auf der ganzen Linie zu versagen. Er kann sich dadurch Dingen widmen, die ihm Spaß machen (er ist sehr kreativ und malt oder handwerkelt), weil er jetzt mehr Ausdauer und Geduld hat - und damit auch Dinge fertig stellen kann, auf die er stolz ist. Sein Sozialverhalten gegenüber anderen Kindern ist durch sein gewachsenes Selbstbewusstsein positiv beeinflusst worden.
All das macht ihn noch lange nicht zu einem pflegeleichten oder gar völlig anderem Kind. Er pubertiert genau so zickig wie alle anderen, gibt freche Antworten und zeigt sein LmaA-Gesicht, wenn ihm danach ist, stößt an Grenzen und probiert sich aus. Aber er kann sein Verhalten besser verstehen, vertreten und steuern. Und das ist es uns einfach allen Wert gewesen.
Ich für meinen Teil bin sehr froh darüber, dass es diese Krücke gibt. Es wäre mir ein schreckliches Ding gewesen, ihn in diesem Loch aufwachsen zu sehen und ihm auch mit aller Liebe und Verständnis nicht helfen zu können.
404 - 27. Jun, 19:56

Hui. Langer Text.

Ich antworte noch. Hier wie dort!
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