Lange-Unterhosen-Zeit
Dies ist übrigens ein Outing. Ich meine, die, die mich kennen, wissen es: Von Oktober bis weit in den März trage ich lange Unterhosen. Was soll ich machen?
Ich mag frieren nun mal nicht, es gehört für mich zu den verwerflichsten Körpergefühlen, die sich denken lassen. Durchdringende Kälte, ja Kälte überhaupt, ist eine Geißel der Menschheit. So viel Feuer kann es gar nicht gegeben, um sie auf Dauer zurück ins All zu verbannen. Allein mit langen Unterhosen hält man tapfer dagegen.
Gut, die Wissen- und die Wirtschaft kämpfen schon länger gegen sie und viele Bürger geben persönlich ihr Bestes, um die Erde langsam aufzuheizen. Mir soll das an dieser Stelle recht sein. Klimawandel? Her damit. Ich habe überhaupt nichts dagegen, wenn sich meine Fauna in mediteranen Kräuterduft verwandelt und laue Sommerlüfte ganzjährig über die Nordsee direkt durch mein Haar streichen.
Winter-Unterwäsche ist also meine Lebensversicherung. Aber teuer ist der Mist. Winterkleidung kostet schnell ein Vermögen. Und ich mag die tausend Klamotten, das ständige An- und Aus-Geplünne im Winterhalbjahr überhaupt nicht. Meine Haut muss atmen. Mir bleibt aber in diesen Breitengraden nichts anders übrig, als mich diesen Unterhosen zu stellen.
Ganz abgesehen, von den Diskriminierungen, denen ich mich ausgeliefert sehe. Sorgt doch mein Bekenntnis zur langen Unterhose bei meinen Geschlechtsgenossen oft für mitleidiges Lächeln, manchmal auch für verachtende Ungläubigkeit und regelmäßig für ein billiges Überlegenheitsgefühl bei Nacktbeinig-in-Jeans-Seienden. Pah.
Mein Job ist es ja oft, mutig den Dingen, wie sie nunmal sind, ins Gesicht zu sehen. Bei den langen Unterhosen verhält es sich genauso: Mutter hat die kleinen Bengel früher in Strumpfhosen gezwungen, das lange Unter-Bein war für jeden Buben, der eine gesunde Mutter hatte, Pflicht. So kam es zu regelrechten Jubelszenen vor dem Sportunterricht. In der Umkleide wurden nicht wenige wegen ihrer langen Unterwäsche traumatisiert.
Die Bengel aber wurden natürlich langsam "erwachsen". Spätestens nach dem ersten Joint und der Eroberung des ersten Weibchens wurde die warme Unterkleidung in den Müll sortiert. Wegen der Männlichkeit. Restzweifel blieben bei denen, die ihre langen Unterhosen in die Altkleider-Sammlung gaben. Das Motiv ist klar: Stolze und kraftstrotzende Männlichkeit geht mit solchen Hosen nicht überein. Und außerdem - das ist viel wichtiger als Motiv - ist man endlich autonom, autark, hat sich von der verweichlichten Mutter gelöst und dokumentiert seine erwachsene, selbstbestimme Reife in der Ablehnung der langen Unterhose. Na, toll.
Ich aber scheiße auf so was. Ich fühle mich sogar so erwachsen, dass ich es mir leisten kann, FREIWILLIG die Dinger anzuziehen. DAS nenne ich wahre Autonomie. Ich lass mir doch von trotzigen Kindheiten und verkorksten Männer-Idealen nicht vorschreiben, wann und dass ich zu frieren habe. Kommt gar nicht in die Tüte. Sondern in echte Baumwolle. Mindestens.

Ich steh dazu. Wie ein ganzer Mann!














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