Spaziere die Linie
Vielleicht liegt es auch daran, dass ich gestern, in charmanter Begleitung, nach langer Zeit mal wieder zum Kino ging. Und dies gab mir eine tüchtige Portion Rock´n Roll und wahre Liebe. Johnny Cash, so muss ich feststellen, ist mir näher als der Heinrich.
Spaziere die Linie, oder Neudeutsch: Walk The Line, ist ein wirklich klasse Film über die ersten 40 Jahre des legendären Country-Barden Johnny Cash. Mit seiner Musik habe ich nicht viel zu tun, aber es hatte sich rumgesprochen, das dieser Johnny ein Original war, Rock´n Roll im Arsch und etwas zu sagen hatte. Dieser Film nun, ist tatsächlich ein Film über Rock´n Roll. Er handelt über einen Menschen, der nichts anderes versucht, als er selbst zu sein; über einen traumatisierten Menschen, der mit sich und seiner Drogenabhängigkeit ringt; und der Film handelt, wie ich finde, wirklich von wahrer! Liebe. Woher kenne ich das alles bloß?
Das können die Amis, das muss man einfach neidlos anerkennen, sie können solche Filme machen, solche Stoffe glaubwürdig in Szene setzen, ihren eigenen Helden ein filmisches Denkmal setzen.
Der Streifen ist durch die Bank grandios besetzt. Beide Hauptdarsteller sind, ich finde auch, zurecht, für einen Oscar nominiert. Joaquin Phoenix, brilliert als Cash auf allen Ebenen, er singt großartig und ist 100% glaubwürdig. Wirklich fabelhaft. Ich fand ihn vor diesem Streifen schon toll und halte ihn für einen der Besten. Er hat eine unglaubliche Präsenz, sieht toll aus – nicht zu glatt, seine Lippenspaltennarbe unterstreicht die Faszination seines Gesichts, eine ergreifende Mischung aus Männlichkeit und Verwundung – und hat richtig was drauf. Wirklich toller Typ. Und er hat eine ebenso tolle Partnerin im Film:

Die gleichfalls überzeugende und durchweg entzückende Reese Witherspoon als June Carter. Ihr markantes Kinn weist sie ebenso als nicht – ganz - so perfekt aus. Und auch sie spielt glaubwürdig, lebendig und sehr präsent, mit einer wunderbaren Stimme, die Sängerin und 2. Ehefrau Johnnys. Sie ist gar so überzeugend, dass man sich gleich mit in sie verlieben will.

Die Geschichte also dreht sich im Kern um wahre Liebe. Als Johnny June – June! Was für ein schöner Name, ich werde meine Tochter so nennen mögen – zum 1000sten mal fragt, aber diesmal live vor Publikum, auf der Bühne, ob sie seine Frau werden will, und er den Song nicht weitersingen könne, wenn sie ihn nicht heirate, da haben sie Einen erwischt. Er gibt noch einmal ALLES und dringt zu ihr durch, er sagt ihr, wie es ist und es wird deutlich, dass sie ängstlich und tief verletzt ist, doch endlich zu Tränen gerührt mit dem Kopf nickt – da, liebe Zuschauer, packt es euch, da haben sie es geschafft, die Amis, es geht zu Herzen und man freut sich für sie – sie haben sich!
Zwei Künstlerseelen die lange nicht - außer in ihrer Musik - zueinander finden. Es werden hier die unterschiedlichen Stärken der Geschlechter deutlich. June ist das stärkere Geschlecht, sie weiß, wo es lang geht. Sie entscheidet sich, als es drauf ankommt, gegen Johnny, gegen die Musik und als geschiedene, alleinerziehende Frau für ihre Kinder. Sie weiß, was Verantwortung ist. Und sie weist Johnnys Liebe auch wegen seiner Drogenprobleme zurück, übernimmt somit nicht den Part der Co-Abhängigen. Johnnys Stärke wird deutlich, als er endlich glasklar Position bezieht.
Aber die Geschichte geht um mehr. Johnny ist aus seiner Kindheit vom tragischen Tod seines älteren Bruders, den er abgöttisch liebt, tief traumsatisiert. In der Mischung mit dem Erfolg seiner Musik und des Lebens eines Rock´n Roll-Stars, ursächlich für seine Tabletten- und Alkoholsucht (eine Dose mit Pillen trägt die Aufschrift MERCY – Gnade). Sein emotional nicht erreichbarer und latent gewalttätiger Vater, zementiert dieses Trauma. Klassisch, aber im Film echt und nachvollziehbar.
Es gibt viel später eine Szene am Familientisch mit seinem Vater – Johnny ist wieder heimlich mit Pillen voll, sein Vater aber hat sein Saufen längst aufgegeben – als dieser ihm die Wahrheit ins Gesicht sagt; und dies auf diese eigentümlich wahrhaftige Art, wie es nur Menschen können, die Schwierigkeiten haben, ihre Gefühle zu zeigen: "Nichts hast du, nichts!" Dies markiert die Wende in Johnnys Leben. Denn all das Geld, der Erfolg, und die Liebe, die er nicht lebt, sind nichts wert, wenn er weiter abhängig bleibt und nicht endlich für seine Lieben und sein Leben Verantwortung übernimmt.
Und es geht um Rock´n Roll – er spielt ja Country, aber Rock´n Roll ist ein Lebensgefühl, eine bestimmte Art, mit Musik umzugehen – um das Tour-Leben, um Musikmachen. Auch das ist in diesem Film toll umgesetzt. Reese Witherspoon und Joaquin Phoenix machen das wirklich fantastisch!
Es gibt da aber eine sehr wichtige und deutliche Szene zu Anfang von Johnnys Karriere (view it here). Als er bei dem legendären Produzenten Sam Phillips, dem Gründer von Sun Records, mit seiner Kapelle vorsingt und der ihm mal kurz erklärt, um was es eigentlich geht. Diese Textpassage - sie ist wohl authentisch, wie vieles im Film - könnte man ruhig mal dem einen oder anderen Talent, ob Musiker, Schauspieler, Schreiber oder was weiß ich, von der Kanzel predigen!
Heute, so ist zu fürchten, geht das so nicht mehr, geht es nicht mehr um Echtheit und Authentizität, Charakter und Leidenschaft, sondern überwiegend um Marketing. Ich denke schon, dass es damals anders war. Vielleicht aber lag das auch an den tollen Autos, die es seinerzeit gab und die zu Hauf in diesem Film auftauchen! Ja, die 50er, 60er und 70er waren wahrscheinlich die besten Jahre und der Höhepunkt der "freien Welt".

Dieser Film handelt also von einen Mann, der nicht anders konnte, als er selbst sein und konsequent auch dabei blieb. In seiner Musik und in seiner Liebe. Manchmal ist da etwas, das Süchtige, die ihre Abhängigkeit bewältigen konnten, anderen Menschen voraus haben. Da ist dann diese eine, seltsam sichtbare, tiefe Verwundbarkeit, Echtheit und Kraft. Das macht wahrscheinlich wesentlich den großen Erfolg von Cash aus.
Im guten Artikel dazu im Zeit-Feuilleton steht der Satz: "Johnny Cash starb im September 2003, vier Monate nach June Carter, nach 35 Jahren Ehe. Bietet jemand mehr? Was bleibt da für den Regisseur James Mangold?" Der hat seine Aufgabe hervorragend gelöst.













Trackback URL:
http://checkbox.twoday.net/stories/1582313/modTrackback