Zen und die Kunst Texte zu leben
Da gibt es ein kleines lyrischen Kleinod - für mich zweifelsohne DAS deutsche Stück des Jahrzehnts - an dessen Beispiel ich die meditative Kunst des Textlebens veranschaulichen möchte. Das Schriftgut heißt: "Ich vermiss dich wie die Hölle" und wurde geschrieben von Christoph Siemons und Bob Arnz. Schon der Titel verrät schlechtes Karma, doch Buddhas Lehre kann vom Leiden befreien.
Wir nehmen unseren Kopf und beginnen zu atmen.
Jetzt schließen wir die Augäpfel und erinnern uns an Tee.
Wir lauschen dem Geplapper eines schwächlichen Geistes und folgen den auftauchenden Bildern.
Wie der Hund scheißt. Den Bus verpassen. Die letzte Bügelmeditation bei Deutschlandfunk. Und kürzlich das halbnackte Tanzen zwischen Schwitzenden.
Wir fühlen.
Jetzt öffnen wir unser Herz und betrachten den folgenden Text. Folgen jedem einzelnen Satz und lassen die Deutungen auf uns wirken. Wir werden uns befreit fühlen:
Ich bin nicht Shakespeare oder Einstein
Bin nicht Picasso oder Bach
Hui Dsi sprach: "Ich bin nicht Ihr, so kann ich Euch allerdings nicht erkennen. Nun seid Ihr aber sicher kein Fisch, und so ist es klar, daß Ihr nicht die Freude der Fische kennt."
Doch eins kannst du mir glauben
Ich vermiss dich jede Nacht
Das wundervolle an Buddhas Lehre ist, daß Buddha uns sagte, glaube nichts, nur weil ein weiser Mann oder ein Experte es gesagt hat. (Wu Bong)
Was hab ich nur mit uns gemacht
Warum bist du nicht bei mir
Es bedarf keiner Akte der Reue, Lektüre der Lehrtexte (Sutras) und anderer religiöser Gebräuche.
'Es genügt einzig, Zazen zu üben' (Uchiyama Roshi)
Hab mich selbst um den Verstand gebracht
Wo bist du
Unmerklich wird eine dieser Fragen dich in ihren Bann ziehen, du wirst dich in das Problem versenken und sozusagen mit jeder Faser daran arbeiten, nicht nur mit der blanken Vernunft. Darum erwarte nicht, dass dein Verstand am Ende eine ausformulierte Antwort parat hat. (Kai Kracht)
Ich vermiss dich wie die Hölle
Hey, du fehlst mir hier total
Er denkt an die Hölle als ein von den Buddhaerscheinungen verschiedenes, jedoch relatives Phänomen - gleich einer Szene auf der Bühne. Worauf wir unser Augenmerk richten müssen ist, daß alle die genannten und sonstigen Erscheinungen für Rinzai auf der gleichen seelischen Ebene liegen. (Uchiyama Roshi)
Ich vermiss dich wie die Hölle
Jeder Tag ist eine Qual
Dann der Schmerz in seiner Brust. 'Hat mich jemand mit einem Schwert durchbohrt? Vielleicht ein Buchmacher, der einen weiteren Verlust abwenden wollte?' wunderte er sich, aber es fiel so schwer sich auf den Gedanken zu konzentrieren. (Usagi Yojimbo)
Ob nun Shakespeare oder Goethe
Die sind mir doch scheißegal
Denn ich vermiss dich wie die Hölle
Und du fehlst mir so total
Kulturschaffende Leistungsträger, deren Ruf wie Donner schallt, hat es auch nicht geholfen zu salbadern, auch sie mussten zu Tode sterben und ins Nirvana eingehen. Bis es bei mir so weit ist, will ich dich permanent pimpern. Mehr weiß ich auch nicht. (Ich selbst)
Jetzt sitz ich hier und mein Kopf ist leer
Nichts ist mehr homogen
Er könnte zum Fernsehen gehen, oder vor einer Videokassette mit sich selbst meditieren. Er hat es mit frischer Milch vom Bauern versucht, aber auch gesunde Ernährung hat nicht geholfen. Was immer er tut – wichtig ist sitzen und den Kopf zu entleeren. Zazen. (Ich selbst)
Hab die Schnauze voll von dieser Achterbahn
Ich muss dich wieder sehn
Auf dem Rummel ist selbst Achterbahnfahren für Hartz-IV-Empfänger unerschwinglich. Er besorgt sich einen kostenlosen Blog und schreibt über sein Unbill. Durchdachte Texte, so vermutet er hier, lockt sie herbei. Die Erleuchtung. Und wenn nicht gerade sie, so doch massenweise gegengeschlechtliche Sexualpartner. Eine Variante des Tantras, das durchaus seine Wirkung haben könnte. (Ich selbst)
Was hab ich nur mit uns gemacht
Warum bist du nicht bei mir
So ist im Buddhismus nirgendwo die Rede von einem persönlichen Gott im christlichen Sinn. Daher kann hier auch nicht von 'Schöpfung' und 'Offenbarung' gesprochen werden. Ebenso gibt es im Buddhismus auch kein 'Ich' und kein 'Selbst', keine individuelle und daher auch keine unsterbliche Seele. Damit hängt zusammen, daß das Wort 'Sünde' als Widerspruch gegen den Willen Gottes im Buddhismus nicht vorkommt. (R. Vorrath)
Hab mich selbst um den Verstand gebracht
Wo bist du
Diesen letzten Vers kennen wir schon und lassen ihn nun für sich selbst stehen, wir nehmen ihn mit in unsere Abendmeditation.
Ich grüße das Göttliche in dir.












